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von Conrad Hipp

 

An einem sonnigen Tag wartet Thorsten am S-Bahnhof in Wildau auf mich. Als er mich sieht, grinst er. So, wie er damals schon immer gegrinst hat. Ein Gute-Laune-Typ eben. Ein Jahr lang hat er jetzt die Handballschuhe an den Nagel gehangen, nach ereignisreichen Wölfe-Jahren. Im Sommer 2008 zog es ihn nach Wünsdorf, auf Linksaußen war er ein Tor-Garant bei den Wölfen, in der Torjägerliste immer weit oben platziert.

reiche-wildau-buBei einem Kaffee erzählt mir Thorsten von seinem Sohn Ben Luca, der im August vier Jahre alt wird. Mit seiner Freundin Nancy, die ebenfalls ein Kind mit in die Beziehung brachte, lebt der ehemalige Flügelflitzer zusammen. "Wir haben uns auf der Arbeit kennengelernt. Man sagt ja immer, so etwas ist schwierig, aber bei uns funktioniert das sehr gut", sagt Thorsten. Im kommenden Jahr wartet auch beruflich ein großer Schritt auf ihn. "Ich mache mich selbstständig, übernehme den Laden von meinem Vater". Vom Handball hat "Tonne" etwas Abstand genommen, schaut ab und zu im Fernsehen Spiele der Profis und genießt, dass er am Wochenende mehr Zeit für die Familie hat. Komplett losgelassen haben ihn die Wölfe aber nicht. "Ich wollte zum Ende der Saison ja mal in die Halle kommen, aber mir kam beruflich etwas dazwischen. Ich verfolge das Geschehen aber noch regelmäßig übers Internet." Besonderen Kontakt hat Thorsten noch zu Jan-Eike Albrecht, der 2014 zum HSV Oberhavel abgewandert ist, und Ronny Lange, der nach einem Jahr in Dahlewitz wieder nach Wünsdorf zurückkehrt.

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"Ich habe überlegt, wieder anzufangen"

 

reiche-trainingslager-bu"Das Ronny zurückkommt, freut mich sehr. Ich habe damals schon immer sehr gern mit ihm zusammen gespielt. Als ich das gelesen habe, habe ich sogar kurz mal überlegt, nochmal die Handballschuhe rauszuholen". Willkommen wäre er in Wünsdorf allemal, schließlich hat Thorsten großen Anteil an den drei Vizetiteln in der Verbandsliga 2009, 2010 und 2011 gehabt und hat immer alles für den Verein gegeben. Als er über seine Comeback-Idee redet, schreibe ich im Kopf schon die ersten Zeilen eines passenden Textes zusammen, dann bändigt er meine Freude. "Das funktioniert aber nicht. Ich habe dafür nicht mehr die Zeit und außerdem macht der Rücken glaube ich nicht mehr mit", erzählt Thorsten. Während seiner aktiven Zeit hatte sich "Tonne" zwei Meniskus- und einer Kreuzbandoperation unterziehen müssen. Außerdem plagten ihn immer wieder Rückenprobleme, seine Bandscheibe wollte nicht mehr so wie er.

"Ich hab damals trotzdem alles hinten angestellt, ich war ja total handballbekloppt." Wohl wahr! Denn der Konter-König stellte sich immer in den Dienst der Mannschaft, ließ unter der Woche vielleicht das Training ausfallen um sich zu regenieren, war am Wochenende aber zum Spiel wieder da. "Stephan Buchholz hat mich ja trotzdem spielen lassen. Das war vielleicht nicht so die vorbildliche Konstellation, wenig beim Training sein und dann trotzdem spielen, aber Stephan wusste auch, was er an mir hat", erinnert er sich.

reiche-krutt-buUnter dem heutigen Trainer des HSV Oberhavel etablierte sich Thorsten schnell im Team, feierte viele Siege, musste aber wie seine Teamkollegen lange auf den Titel warten. "Diese zweiten Plätze haben mich damals total genervt. Du willst ja gewinnen beim Handball. Wir waren immer die beste Mannschaft in der Liga, es haben immer nur Kleinigkeiten gefehlt. Wenn ich mich an dieses eine Spiel in Wildau erinnere. Wir hätten da einfach früher den Sack zu machen müssen. Klar wurden wir am Ende auch verpfiffen, aber das hätte gar nicht mehr passieren dürfen. Dieses Spiel nagt heute sogar noch an mir". Doch das Spiel in Wildau in der Saison 2009/2010, bei dem die Wölfe lange in Front lagen und erst kurz vor Schluss nach einigen strittigen Schiedsrichter-Entscheidungen noch einen Punkt abegeben mussten, so dass es am Ende wieder nur zu Platz zwei reichte, sind eine der wenigen schlechten Erinnerungen an seine Zeit beim MTV.

"Insgesamt war diese Zeit ziemlich geil. Die Trainingslager waren immer sehr toll, wir waren ja immer ein gutes Team. Und allein diese Atmospähre in der Halle. Es war ja immer ein kleiner Hype zu spüren, wenn wir gespielt haben. Die Zuschauer kannten einen, man lief unter riesigem Beifall in die Halle ein, hatte ein wahnsinniges Publikum. Das man vor ein paar hundert Leuten spielt, das war schon irre", gerät Thorsten ins Schwärmen.

konter-buTrotzdem schließt er ein Comeback in der Sporthalle aus. Auch wenn er in der Schlussphase seiner aktiven Zeit Stephan Buchholz oft als Co-Trainer unterstützt hat, kommt ein Trainerjob für ihn nicht in Frage. "Dafür bin ich zu ungeduldig", lacht er. "Ich hatte damals immer einen riesigen Willen und bei vielen jungen Spielern erkenne ich diesen gar nicht mehr. Viele Außenspieler sehen zum Beispiel nicht mehr, wann sie starten müssen", erzählt der ehemalige Konterkönig, der immer am schnellsten vorn war. "Das muss man einfach können. Man muss sehen, wann der Abpraller kommt und dann muss man vorne sein. Auch wenn ich körperlich kaputt war, rennen konnt ich immer", grinst er über seine Kaffetasse zu mir rüber.

Thorsten rührt etwas in der Tasse herum, nimmt einen Schluck. Dann schweift er ab, von der Vergangenheit in die Zukunft. "Die Sachen, die man über den Neustart in Wünsdorf liest, machen Hoffnung. Mich hat es traurig gemacht, dass man sich nicht gekümmert hat, dass die Spieler bleiben. Es tut weh zu sehen, wie eine Mannschaft zerbricht, in deren Dienst man sich jahrelang gestellt hat. Die Mannschaft hätte man nur punktuell verstärken müssen, aber zum Ende hin wurde vielleicht auch zuviel Alarm um das ganze Team gemacht", erzählt der ehemaliger Berliner Meister.

reiche-zweite-buFür die Wünsdorfer Zukunft hofft er, dass es wieder aufwärts geht. "In Wünsdorf spielt jetzt wieder die Leidenschaft Handball. Ich denke, sie haben den richtigen Weg eingeschlagen und hoffe, dass der neue Trainer punktuell die richtigen Verstärkungen findet", sagt er voller Erwartungen, was in den kommenden Jahren im Wolfsrevier passiert. Dabei setzt er auf den Zusammenhalt der Jugend und wünscht den Wölfen, dass dieser so bleibt, wie er jetzt ist. "In der A-Jugend entscheidet sich eine Menge. Da hört danach teilweise ein Drittel der Mannschaft aus privaten oder beruflichen Gründen auf", spricht er aus eigener Erfahrung. 

Die Mannschaft soll sich laut Thorsten in der neuen Saison weiter formen, eine Aufstiegsparty am Ende des Jahres erwartet er nicht. "Das wird ziemlich schwer. Dafür müsste bei den anderen auch einiges schief gehen".

reiche-flug-buAls ich Thorsten beim Reden zuhören, spüre ich seine Erfahrung. Er ist dem Handball immer noch sehr verbunden und hat mit diesem Sport eine Menge Lebenszeit verbracht. Für ihn selbst hat sich das Thema Handball trotzdem erledigt. Sein Sohn Ben Luca hat das Wölfe-Trikot aber schon Probe getragen. Damals in der Halle, fieberte der Sohn im Mini-Wölfe-Dress schon an der Seitenlinie mit. "Ich hoffe, dass er mal ein Handballer wird, wenn er Spaß dran hat und das Talent vom Papa hat", lacht er. Einer möglichen Reiche-Rückkehr nach Wünsdorf will er aber nicht zu viel Hoffnung machen. "Das steht ja alles erstmal in den Sternen. Wenn es so weit ist, stehen Fahrtweg und Schule auf jeden Fall im Vordergrund." Und wenn das passt, ist die Zeit der Familie Reiche in Wünsdorf vielleicht doch noch nicht ganz zu Ende...

 

 

 

In meiner Serie "Hallensprecher im Außendienst" besuche ich Personen aus dem Handballsport, die aktuell nicht (mehr) beim MTV Wünsdorf tätig sind. Weitere Geschichten folgen demnächst.