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 Pleiten-Serie, fehlende Leidenschaft, kein Miteinander

Das Derby wird zum Schicksalsspiel

So will das Rudel seine Krise bewältigen

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Am Samstag empfangen die Wölfe die SG Schöneiche zum Heimspiel in der Paul-Schumann-Halle. Ein Derby, in dem die Wölfe als Favorit ins Rennen gehen und es selbst in der Verantwortung haben, wie gefährlich dieses Heimspiel für sie wird. Gewarnt ist das Team allemal - schließlich haben sie erst vor wenigen Wochen ein Derby wegen fehlender Leidenschaft aus der Hand. Dazu ist der MTV aktuell auf Talfahrt, hat sechs der vergangenen sieben Spiele verloren und dabei vor allem im mannschaftlichen Bereich nicht funktioniert. So wird das Derby für die Wölfe ein Schicksalsspiel. Mehr...

von Conrad Hipp
Fotos: Victoria Becker, Julia Ehmig

Die Bälle liegen auf dem Boden der Wölfe-Kabine. Einige Spieler haben ihr Spielgerät in den Händen. Aber geworfen und gelaufen wird nicht. Es wird gesprochen. , viel gesprochen. Gemeinsam analysieren die Wölfe die vergangenen Wochen. Einstellung, Auftreten auf dem Feld, das Miteinander. Dinge, die dem MTV große Spiele gebracht haben, wenn sie funktionierten. Dinge, die aber auch erschreckende Darbietungen zeigten, wenn sie nicht funktionierten. Letzteres war in den vergangenen Wochen der Fall. Und genau das soll pünktlich zum Derby anders werden.

dahlewitz bodenEs war der 23. Februar, als die Wünsdorfer Wölfe die TSG Lübbenau II zu Gast hatten. Ein Spiel, in dem die Wölfe als Außenseiter antraten und wohl eine der schwächsten Halbzeiten der Vereinsgeschichte zeigten. Gegen den sportlich ungeschlagenen Tabellenzweiten der Staffel führen sich die Wölfe selbst vor. Kein Druck in der Offensive, eine schlechte Körpersprache, mangelnde Abstimmung in der Abwehr. Das Drama in Zahlen: Einer (!) von 16 Würfen aus dem Feld findet den Weg ins Tor - eine Trefferquote von 6,25%. Eine Horror-Bilanz nach der ersten Halbzeit.

Nach dem Spiel unterstreicht das Team, dass die Definition von „Mannschaft“, also einer Gruppe von Sportlern oder Sportlerinnen, die gemeinsam einen Wettkampf bestreiten, derzeit nicht korrekt interpretiert wird. Nach einer deutlich besseren zweiten Hälfte gegen Lübbenau, in der der MTV plötzlich mitspielen kann und eine deutliche Leistungssteigerung hinlegt, ist die Stimmung gebrochen. Einige Spieler sitzen auf dem Feld, andere verschwinden direkt in die Kabine. Nur eine kleine Anzahl Spieler geht den Weg zum Publikum, bedankt sich für die Unterstützung, die besonders in der ersten Hälfte vom Team mit einer Nullleistung honoriert wurde.

Die 25:34-Heimpleite, der Höhepunkt der derzeitigen Wölfe-Krise! Die Bilanz: Sechs Niederlagen aus den vergangenen sieben Spielen. Die Alarm-Glocken vor dem Derby gegen die SG Schöneiche am kommenden Samstag klingen  zum Monatswechsel deutlich lauter durchs Wolfsrevier als das Jaulen eines hungrigen Rudels.

Krisensitzung in der Kabine – die Analyse

75 Minuten dauert die Krisensitzung in der Kabine. Die Spieler sprechen sich aus, entwickeln Lösungen. Und die Aussprache soll ihre Wirkung zeigen. Vier Trainingseinheiten hat der MTV seitdem bestritten. Und das Bild der Mannschaft nähert sich dem eines hungrigen Rudels schon wieder sehr gut an. Die Spieler beißen, wollen sich nach der Eigenkritik beweisen. Die Mannschaft hat erkannt, dass die Probleme bei den Spielern selbst liegen. Die sollen nun gelöst werden. Flügelspieler Max Hawaleschka zum Beispiel agierte in den vergangenen Spielen nicht so souverän wie sonst, leistete sich gerade bei Kontern einige unkonzentrierte Abschlüsse. Hawaleschka: „Ich hatte in den vergangenen Spielen den Eindruck, dass uns die Führungsperson gefehlt hat. Es gab keinen Spieler, der in einer Stresssituation das Zepter in die Hand nahm. So haben wir dann den Kopf verloren und damit den Willen, etwas zu erreichen.“ So kommt für ihn eins zum anderen und mit jeder schlechten Minute verliert der MTV den Glauben an sich selbst. Sven Neuendorf: „Das Problem der Mannschaft liegt momentan in der fehlenden Bereitschaft, für den anderen einzustehen.“

seegebrecht gegen abwehrRoutinier Dirk Becker, der zwischenzeitlich einige Monate wegen einer Knieverletzung pausieren musste und mitten in der Krise zurückkam, hat sportlich schon einige Teams mit Durststrecken erlebt. Becker: „Wir sind als Mannschaft in der Lage mit den Topmannschaften mitzuhalten, wenn wir geschlossen und diszipliniert auftreten. Wenn allerdings nur ein oder zwei Spieler nicht ihre Aufgabe erfüllen, dann gerät das ganze Gebilde durcheinander.“ In den vergangenen Spielen brachten mehr als nur zwei unerfüllte Aufgaben das Gebilde kräftig ins Wanken. Becker: „Das ist dann wie Domino, weil dann jeder Spieler probiert irgendwas noch extra zu machen, was er gar nicht soll oder kann und dann kommen solche blamablen Leistungen Zustande.“ Diese Leistungen ließen die Wölfe ins Niemandsland der Tabelle abstürzen. Auf Platz 7 rennt man nun auch dem Nachbarn aus Dahlewitz hinterher. Neuendorf: „Man hat das Gefühl, dass die Luft raus ist und jeder mit dem Kopf durch die Wand will.“

Dabei waren die Wölfe zwischenzeitlich vermeintlich auf dem besseren Weg. Das Jahr startete mit einer guten Leistung in Finsterwalde, bei der die 32:23-Niederlage am Ende deutlich zu hoch ausfiel. Danach gab es gegen Chemie Guben einen 30:29-Arbeitssieg zuhause, der eigentlich neue Kraft geben sollte. „Sportlich gesehen sind wir auf einem guten Level, das hat man gegen Guben gesehen“, sagt Hawaleschka. Neuendorf ergänzt: „Wir haben ein großes Motivationsproblem und können positive Erfahrungen nicht mit ins nächste Spiel nehmen.“ So lässt das Rudel schon im Derby gegen Blau-Weiß Dahlewitz eine Woche später wieder jegliche Leidenschaft am Handball vermissen. Neuendorf: „Wir zweifeln einfach zu sehr an unserem Können und unseren Fähigkeiten. Ein gutes Spiel gegen Guben hätte uns als Mannschaft Selbstvertrauen geben müssen und genau das Gegenteil ist eingetreten. Wir beschäftigen uns zu sehr mit negativen Dingen. Es fehlen Disziplin und der eiserne Wille, im Team und im Geiste des MTV alles zu geben und in schweren Zeiten zusammenzuhalten.“ So bekam der MTV in Dahlewitz Zusammenhalt und Leidenschaft ausgerechnet im Derby vom Nachbarn vorgelebt. Becker: „Die Balance dann wiederzufinden ist extrem schwer, da auch noch durch Verletzungen einige wichtige Spieler langfristig ausgefallen sind.“ 

Krisenbewältigung oder Derby-Pleite?

So geriet diese Balance dann gegen Lübbenau wieder aus dem Gleichgewicht. Allerdings zeigten die Wölfe in der guten zweiten Hälfte auch, dass sie es können und das Potenzial auch abrufbar ist. Das müssen sie auch bei der nächsten Aufgabe, denn den Wölfen steht ein Derby ins Haus. Am Samstag ist der Nachbar der SG Schöneiche zu Gast und die haben Witterung aufgenommen. Kriselnde Wölfe, da peilt die SGS einen Auswärtssieg an. Die Wölfe-Krise kommt den Gästen dabei gerade recht. Mit fünf Punkten und Platz 10 in der Liga zittert die SGS noch um den Klassenerhalt. „Natürlich schauen wir auch auf die Tabellensituation, auch wenn wir vor ein paar Wochen die Rote Laterne abgegeben haben. Wir wollen natürlich die Klasse halten, allein um das Stadtderby aufrecht zu erhalten,“ sagt Schöneiches Pascal Werner vor dem Derby. Punkte in Wünsdorf wären da genau der richtige Antrieb für den Schlussspurt. Dazu will die SGS die Bilanz polieren, denn diese liest sich aus ihrer Sicht für die letzten Partien grausam. 16:25 – 23:29 – 22:33, drei deutliche Pleiten seit Oktober 2016. „Unser erstes Derby in der Verbandsliga ging ja aus unserer Sicht komplett in die Hose. Von daher sind wir natürlich heiß, dass wieder gutzumachen“, sagt Werner in Erinnerung an das 16:25 im Oktober 2018Becker nimmt beim MTV indes die Mannschaft in die Pflicht und verspricht: „Wir werden am Samstag gegen Schöneiche das Gesicht zeigen, was man von uns erwartet. Das Gesicht einer starken geschlossenen Mannschaft, in der jeder für den anderen arbeitet.“

werner sgs mtvAber können die Wölfe jetzt plötzlich den Schalter umlegen? Hawaleschka sieht einen wichtigen Faktor im Trainer. Matthias Wehlmann war in den vergangenen drei Spielen gesperrt und fehlte den Spielern offenbar. Hawaleschka: „Matthias hat uns taktisch und individuell immer von der Bank aus geleitet. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in dieser Phase den Weg zu alter Stärke nur mit ihm auf der Bank wieder finden werden.“ Dabei wollen die Wölfe die Schuld für die Misere nicht beim Trainergespann suchen. Für Elmar Klotz-Urbaniak wurde die Aufgabe als Wehlmann-Ersatz zur spontanen Achterbahnfahrt. Er wurde dabei völlig ins kalte Wasser geworfen, obwohl er erst wenige Wochen in der Mannschaft war und zudem für eine völlig andere Aufgabe gekommen ist – plötzlich war er verantwortlich für die Mannschaft. Für alle Beteiligten zusätzlich eine unglückliche Situation, welche die Krise noch verstärkt hat. Allerdings ist auch ein Ergebnis der Krisensitzung, dass weder Wehlmann noch Klotz-Urbaniak Schuld an der Krise tragen. Die Schuld soll nun eh nicht mehr gesucht, sondern die Krise bewältigt werden. Das geht nur mit guter Stimmung und viel Leidenschaft auf dem Feld. Sonst droht die Stimmung zu kippen. Die ist vor dem Derby auf dem Weg der Besserung. Neuendorf: „Die ständigen Misserfolge tragen natürlich dazu bei, dass die allgemeine Stimmung in der Mannschaft in den vergangenen Wochen im Keller war.“ Jetzt ist das Team aber heiß darauf, die Laune am Samstag zu steigern.

„Die Fans müssen wieder sehen, dass es sich lohnt uns anzufeuern“

Und wie kriegt das Team gegen Schöneiche die Kurve? Die SGS hat die Leistungen des MTV natürlich wahrgenommen, teilweise sogar selbst in der Halle gesehen. Werner: „Bei uns in der Mannschaft ist das aber kein Thema. Hier sagt niemand: Die Ergebnisse der Wölfe stimmen gerade nicht, jetzt kriegen wir sie. Bei uns ist die Motivation in diesem Spiel sowieso immer sehr hoch, daher ist sie jetzt nicht größer, weil beim MTV gerade die Ergebnisse nicht stimmen.“ Schöneiche will das Hinspiel ausbügeln und die Wölfe ärgern, der MTV braucht das Erfolgserlebnis. Hawaleschka: „Das große Ziel muss sein, den Kampfgeist wieder zu finden, den auch alle so lieben.“ Das geht nur mit einer guten Einstellung, die bereits im Training beginnt und in den vergangenen Einheiten auch wieder erkennbar war. Jetzt soll am Samstag ein Haken hinter die vergangenen Monaten gemacht werden. Neuendorf: „Wir haben alles aufgearbeitet und analysiert und haben in der Diskussion dann auch Lösungen gefunden.“ Unter anderem wurde ein Ziel für den Rest der Saison festgelgt. „100 Prozent Einsatz und geschlossene Mannschaftsleistungen. Wir haben vor dem Derby das 'Wir-Gefühl' wieder gestärkt und wollen gegen Schöneiche den Handball wieder lieben“, so Neuendorf.

neuendorf jubelDie Wölfe sparen also nicht mit motivierenden Worten, wollen am Wochenende alle überzeugen und wissen um den Fokus, in dem sie stehen. Hawaleschka: „Jeder muss für Jeden einspringen und versuchen, das Bestmögliche für die Mannschaft herauszuholen.“ Dabei liegt die Betonung auf „die Mannschaft“, denn die rückte in der Vergangenheit in den Hintergrund. Dabei zählt in einem Wolfsrudel vorwiegend die Gemeinschaft. Einzelkünstler sind nicht gern gesehen, schließlich geht es in einem Rudel um die die Gruppe. Das schließt gegen Schöneiche auch das Publikum ein. Neuendorf gesteht: „Unter dem Druck, erfolgreich Handball zu spielen und dennoch zu versagen, schleichen sich dann schlechte Manieren gegenüber der Zuschauer ein.“ Das wurde gegen Lübbenau spürbar. Er sprach bereits vor dem Guben-Spiel davon, dass man den Fans etwas schuldig sei. Mit dem Heimsieg gegen Guben lieferte das Team, nun ist das Rudel wieder gefragt, denn Neuendorf weiß: „Auch die Fans sollen wieder eine Mannschaft sehen, die ihnen Freude bereitet. Die Fans sollen auf dem Feld eine Mannschaft sehen, die es wert ist, dass man sie anfeuert.“ Und genau das muss das Rudel am Samstag verkörpern um die Fans zu versöhnen und die Krise zu bewältigen.

Samstag, 18.30 Uhr
Wünsdorfer Wölfe – SG Schöneiche
Paul-Schumann-Halle Wünsdorf