Wölfe bei Twitter

 Denny Philipp grüßt aus Australien

„Ich bekomme hier alles mit“

Und so lief sein Start in Down Under

dp mtv aus

Als er sich Ende April vom Wünsdorfer Publikum verabschiedete, war es ein tränenreicher Abgang. Nach neun Jahren bei den Wölfen schließt der ehemalige Abteilungsleiter das Kapitel MTV Wünsdorf. Das Führungszepter hat er bereits vor dem Abschied übergeben, inzwischen ist Philipp in Australien. Im Interview spricht er über seinen Start in Down Under, seine schönen und unschönen Momente in seiner Wölfe-Zeit und seine Achterbahnfahrt über neun Jahre. Mehr...

„Es war die größte Achterbahnfahrt meines Lebens“, stellte Philipp bei seinem Abschied klar. Neun Jahre war er beim MTV Jugentrainer, Abteilungsleiter, Spieler und vieles andere. Philipp stellte den Nachwuchs immer in den Vordergrund, frei nach dem Motto: Die Kinder sind unsere Zukunft. Mit Erfolg: Heute hat der MTV eine männliche D-Jugend im Kreis. Die männliche A- und C-Jugendmannschaften treten sogar in der Oberliga an. Dazu kommt eine weibliche B- und eine D-Jugend-Mannschaft. In den jüngeren Jahrgängen sind die Mannschaften noch gemischt. Auch im F-Bereich treten die „Welpen“ schon bei Minispielfesten an. Außerdem rief Philipp ein Nachwuchsprojekt ins Leben, die es Kindern schon ab 4 Jahren erlaubt, sich sportlich zu betätigen, ihre Koordination und Bewegungsabläufe zu fördern. 

Vor vier Jahren war er dann aber an einer ganz anderen Stelle gefragt. Die Abteilung schrieb rote Zahlen. Die erste Männermannschaft wurde gerade aus der Brandenburgliga abgemeldet. Es musste ein Team für die Landesliga zusammengestellt werden. Der Zerfall drohte. In diesem Moment standen die Neuwahlen an und Philipp übernahm in dieser schwierigen Zeit das Kommando. Er verjüngte die Abteilungsleitung. Dazu verteilte er die Arbeit auf mehrere Posten und schuf so eine Struktur, die auch seine Nachfolgerin Christina Weigt beibehalten wird. Viele Mitglieder wurden aktiv mit einbezogen, das Nachwuchskonzept trug zudem erste Früchte. Im Männer- und Frauenbereich schafften viele Jugendspieler den Sprung in die Erwachsenenmannschaften. Allein in der Frauenmannschaft, die der vergangenen Saison zum dritten Mal in Folge den Kreispokal holte, stehen neun Spielerinnen, die bereits im Nachwuchs aktiv waren. In der ersten Männermannschaft schafften sogar zehn ehemalige Welpen in der Saison 2016/2017 die Rückkehr in die Verbandsliga Süd. Der MTV stellte dabei mit nur vier Spielern über 25 Jahren zudem noch die jüngste Mannschaft der Liga.

zurawski 2016

Das Interview.

Wie hast du in Australien den Saisonstart der Wölfe mitbekommen?
Philipp: Ich bekomme hier alles mit. Ich habe täglichen Kontakt zu meinen Wölfen. Einmal die Woche hole ich mir bei Matthias und Maurice Infos ein, wie es läuft. 

Wie lebt es sich in Australien?
Philipp: Es ist hier irgendwie angenehmer. Entspannter und abenteuerlich. Das Wetter ist bisher voll auf meiner Seite um das Land zu erkunden.

Was hast du bisher schon erlebt? Wie lief dein Start?
Philipp: 
Ich hab hier in kürzester Zeit schon eine Menge erlebt. Meine erste Woche war ich in Melbourne. Danach wartete mein erster Farmjob mit eigener Unterkunft und Possums. Nach drei Wochen begann mein erster Roadtrip. Wir haben mitten in der Nacht einen Campingplatz gesucht. Weit weg vom Highway fuhren wir eine Schotterstraße entlang und plötzlich war da der gesucht Campingplatz. Vor dem Eingang standen 20 Känguruhs und haben da seelenruhig gefressen. 

dp aus radVor deiner Abreise hast du deinen Posten als Abteilungsleiter zurückgegeben. Bis zu deiner Abreise änderte sich jedoch erstmal nicht viel...
Philipp: Das stimmt. Ich stand der neuen Leitung weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung, habe weiterhin meine Meinung eingebracht um der neuen Leitung den Start zu erleichtern.

Warum warst du danach noch so aktiv? 
Philipp: Ganz einfach. Um der neuen Leitung den Start in die neue Amtszeit zu erleichtern. Da gibt es ja immer mal wieder fragen, da stand ich dann eben zur Seite. Meine „ehemaligen“ Ziele und Projekte werden von Tina und ihrem Team ja weitesgehend fortgeführt.

Welchen Eindruck hast du bisher von der neuen Leitung?
Philipp: Tina ist extrem engagiert. Es ist schön zu sehen, dass nahtlos angeknüpft wird an die Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren gemacht haben. Die Kommunikation ist sehr gut und es freut mich, dass die angefangenen Projekte weiter verfolgt werden.

Du hast das Land also mit einem guten Gefühl verlassen?
Philipp: Diesbzüglich ja.

Vom Handballalltag ging es dann ins Outback. Mit welchen Erwartungen?
Philipp: Die vergangenen neun Jahre auf eine andere Art und Weise zu analysieren, dabei neuen Input zu erhalten. Ich will hier an meinen Defiziten arbeiten und vor allem das Leben auf einem anderen Kontinent zu erleben. Als ich alles zur Reise unterschrieben hatte, habe ich die Handballfamilie tatsächlich anders gesehen, wie ich sie vor der Abreise wahrgenommen habe. Freunde sind plötzlich nicht mehr in der Nähe, es wird ein komplett anderer Alltag, von dem ich keine Ahnung hatte.Ich hab hier auch absolut keine Komfortzone, keine Rückzugsmöglichkeit, keine Vertrauten. Aber das ist auch der Grund, warum ich diese Reise mache. Ich will mal weg vom Handball, mehr Disziplin und mehr Zielstrebigkeit in mein Leben bekommen.

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Inwieweit wurden die Erwartungen bisher schon erfüllt?
Philipp: Schwer zu sagen. Ich konnte aber schon viele negativen Sachen abschalten und positive Dinge mehr schätzen.

Gibt es einen konkreten Plan, wann du zurückkommst?
Philipp: Nein. Das werde ich vor Ort entscheiden.

Wie gut ist dein Englisch?
Philipp: Die Leute verstehen mich, lachen und grinsen ganz oft.

Was passiert, wenn du wieder hier bist?
Philipp: Ich werde definitiv nicht mehr so krass meinen Alltag nach Handball ausrichten.

dp egorAber ganz ohne wirst du auch nicht können?
Philipp: Ich werde nach meiner Rückkehr ein neues Handballprojekt starten, ja.

Das da wäre?
Philipp: Geheim und noch nicht spruchreif.

Und ein Comeback als Abteilungsleiter?
Philipp: Nein. Mit Konzept ein Projekt umzusetzen fällt mir leichter als Aufgaben zu verteilen. Ich denke, dass ist jetzt auch in guten Händen.

Neun Jahre MTV. Hattest du schon Zeit genug, alles Revue passieren zu lassen? 
Philipp: Ja, die hatte ich ein paar Wochen vor meiner Reise und werde es auch in Australien weiter machen.

Wieso ausgerechnet da?
Philipp: Ich hab mich entschlossen, ein Buch mitzunehmen nach Australien und habe dort nach alten Bildern gekramt und habe mich an die ganzen schönen Momente erinnert.

Teilst du ein paar mit uns?
Philipp: Meinen ersten Auftritt in der Halle. Als Nils Seegebrecht, der mich damals ja schon kannte, mich blöd angeguckt hat und mir blöde Fragen gestellt habe, was ich denn hier mache...

Daraus ist ja dann eine tiefe Freundschaft entstanden, die du vermissen wirst...
Philipp: Na Nils an sich nicht. Aber seine Art. (lacht)

An was erinnerst du dich noch gerne?
Philipp: An alles was mit dem Jahrgang 98/99 zu tun hat. Das war tatsächlich die geilste Mannschaft, die ich je trainiert habe in der Zeit, in der ich beim Handball bin. Das ist eine Mannschaft, die 9 Jahre die Achterbahnfahrt mitgestaltet und mitgemacht hat. Das war schon eine starke Truppe.

gruppeWelche Momente ärgern dich im Nachhinein? Was hätte besser laufen können?
Philipp: Die gibt es bestimmt. Mein Leben hat sich zu oft nach dem Handball gerichtet. Dadurch hat sich das Private und das Handballerische zu oft verbunden. Ich habe zu vielen Mitstreitern am Anfang sehr viel Vertrauen geschenkt und musste das am Ende selbst ausbügeln.

In den neun Jahren warst du nicht nur Abteilungsleiter. Die Liste deiner Posten, die du hier bekleidet hast, auch mal übergangsweise, sind lang. Du warst dir nie für etwas zu schade. Kriegst du noch alle Positionen zusammen, die du hier inne hattest?
Philipp: Jugenkoordinator, Jugendwart, Abteilungsleiter, Schriftführer beim Großverein, Jugendtrainer im weiblichen Bereich bei der B- und A-Jugend. Im männlichen Bereich bei allen Mannschaften außer der E-Jugend. Die erste und zweite Männermannschaft habe ich trainiert... 

Die Achterbahnfahrt beim MTV

Du hast bei deinem Abschied davon gesprochen, dass die Zeit hier die größte Achterbahnfahrt deines Lebens war. Lass uns einsteigen...
Philipp: Der Einstieg war schon sehr aufregend. Ich kam damals mit Anfang 20 hier her und sollte Jugendkoordinator werden. Das Schönste war, dass ich sofort Zuspruch der Eltern erhalten habe. Das waren ja damals zum Beispiel Ellen, Kerstin oder Viola. Also Leute, die man als Jugendtrainer als Eltern kennenlernte und mit denen man später im Vorstand zusammengearbeitet hat. 

Was war das Besondere an deiner Ankunft hier? 
Philipp: Naja, ich kam hier damals an mit einer Kamera und wollte das Training der Kids aufnehmen, dass sie selbst ihre Bewegungen sehen und analysieren können. Aber das war keine Kamera, wie man jetzt denkt. Es war eine richtig alte, noch mit Kassette. Das fanden die Eltern anscheinend irgendwie sympatsch. (lacht). Desweiteren hat die Zusammenarbeit mit Maurice Laurisch sofort gepasst. Auch die anderen Jugendtrainer haben meine Hilfe sofort angenommen.

Der Einstieg klappte, du sahst schnell im Sattel und konntest beruhigt los fahren. Wann ging es mal etwas schleppend voran?
Philipp: 2011 hab ich nochmal eine neue Ausbildung angefangen um meine Ziele mit dem MTV tatsächlich verfolgen zu können. Das Verlangen nach Erfolg des damaligen MTV-Managers, der zeitgleich auch mein Arbeitgeber war, war in dieser Phase sehr groß. Es sollte sich in dieser Zeit alles schnell entwickeln. Da war der Druck extrem hoch. Das war schon eine schwere Zeit für mich. 

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Weiter auf der Fahrt. Welche Kurve war die schwierigste?
Philipp: Meine schwierigste Kurve war... (überlegt) tatsächlich das Private und Handballerische zu trennen. Das ist schwer, wenn du Jugendtrainer bist und die Kids kommen zu dir und heulen sich über ihre Probleme aus. Dazu hast du Kinder in der Mannschaft, wo du den Background nicht so gut kennst. Das ist schwer, dass alles voneinander zu trennen und das gesunde Mittelmaß zu finden.
Eine weitere schwere Kurve war 2013. Da ist die weibliche A-Jugend mit Susanne Speed und mir in die Brandenburgliga aufgestiegen. Damals hatte die Abteilungsleitung den Wunsch, dass ich mich nur noch auf den weiblichen Sektor konzentriere und meinen 97er bis 99er Jahrgang abgebe. Die Mannschaft sollte damals Martin Nowakowski übernehmen, der zur gleichen Zeit mit unserer ersten Mannschaft Brandenburgliga spielte. Als ich mich dann mit ihm unterhalten hatte, wusste der von keinen Plänen. Zusätzlich hatte ich zur gleichen den MSV Zossen beim Aufbau der Handballjugend unterstützt. Da gab es einen Streit zwischen mir und den damaligen Entscheidern. 

Was waren deine Loopings? Momente, wo du dachtest, jetzt fällt alles, es aber am Ende doch gerade aus weiter ging.
Philipp: 2016 habe ich endlich Menschenkenntnis gelernt in diesem Verein. Das war eine schwierige Phase für mich, wo ich tatsächlich lange dachte, dass es nur abwärts geht. In solchen Phasen zeigen sich wahre Freundschaften. Einige ließen mich hängen, andere haben mich aus meinem Loch gezogen und wieder aufgebaut. Sie waren in dieser Phase mein Antrieb und haben mir sehr geholfen, dass es für mich weitergeht. Das war auch die Phase, wo ich am meisten durchgerüttelt wurde. 2016 war das schlimmste Jahr hier, privat, beruflich und sportlich.

Wie waren die letzten Monate für dich? Der Zieleinlauf.
Philipp: Sehr gut. Ich habe im Dezember für mich fest gelegt, dass ich mich nicht mehr wiederwählen lasse. Die Zeit danach habe ich sehr genossen. Ich war deutlich entspannter, habe mich selbst auch nicht mehr unter Druck gesetzt. Ich habe mir wieder mehr Zeit für meine Freunde und meine Familie genommen. Ich habe ab Januar schon strukturiert angefangen, meine Aufgaben abzugeben und andere Leute einzuarbeiten. Auch ich werde ruhiger und entspannter.

Das Fazit beim Ausstieg; Würdest du wieder einsteigen oder jetzt lieber eine entspannte Bootsfahrt durch den Märchenwald?
Philipp: Mit gewissen Leuten würde ich tatsächlich wieder einsteigen. Eine ruhige Bootstour muss es noch nicht sein. Aber ich sage es mal so: Achterbahn ja, aber lieber eine andere ohne Looping, aber mehr Berg und Tal. Es soll ja auch nicht langweilig werde im Leben.

Was hast du in den vergangenen Jahren hier gelernt für dein Leben?
Philipp: Ich habe viele verschiedenen Typen Mensch kennengelernt. Menschen können motivieren und kritisieren. Sie können loben und schleimen, aber auch aktiv dabei sein oder passiven agieren. So richtig helfen konnten mir nur die, die agieren statt reagieren.

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