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Wünsdorf stolpert in Dahlewitz

Der Wolf des Rudels größter Feind

derbypleite

 von Conrad Hipp und Anna-Lee Rasper
Fotos: Tom Nerlich

Die Wünsdorfer Wölfe bleiben im Jahr 2018 punktlos und kassieren auch im zweiten Spiel des neuen Handballjahres eine bittere Pleite. Ausgerechnet im Derby gegen den SV Blau-Weiß Dahlewitz zeigen die Wölfe ein unterirdisches Spiel, geben mit einer 20:29-Niederlage sogar das starke Hinspiel (29:22) aus der Hand und verlieren den direkten Vergleich. Der MTV rutscht auf Platz 6 ab, ist jetzt sogar punktgleich mit den Blau-Weißen. Bester Werfer des Tages war der Dahlewitzer Bert Bräuer, der sich das Derby als Abschiedsspiel auswählte und dabei zehn Tore aufs Parkett legte. Für die Wölfe erzielte Geburtstagskind Sven Neuendorf fünf Treffer.

►In der Natur ist der Wolf sich selbst der größte natürliche Feind. Niemand anders erlegt einen Wolf so oft wie er sich selbst. In Auseinandersetzungen mit anderen Individuuen geht der Wolf nur selten als Verlierer hervor. Außer eben im Kampf mit sich selbst.

Weg mit der Biologie. Blau-Weiß Dahlewitz gegen die Wünsdorfer Wölfe. Ein Vorprogramm gab es bereits eine Woche zuvor, als beide Reserveteams sich gegenüberstanden. In der Kreisliga behielt Dahlewitz im Spitzenspiel die zwei Punkte daheim und bezwang die Wölfe mit 31:24 deutlicher, als es dem Rudel lieb war. Zwei Etagen höher standen die Vorzeichen anders. Die Aufsteiger aus Wünsdorf spielten eine starke Hinrunde, etablierten sich in der ersten Saisonhälfte vor den Blau-Weißen und machten vor allem durch das Hinspiel Hoffnung, auch im Rückspiel Punkte mitzunehmen. 

wurf albrecht dahlewitzZur Erinnerung: Die Wölfe spielten beim 29:22-Sieg eine überragende erste Hälfte. Von 28 Dahlewitzer Würfen im ersten Spielabschnitt gingen nur sechs ins Tor. Eine bärenstarke Abwehrleistung brachte Dahlewitz zur Verzweiflung. Fürs Rückspiel zog Blau-Weiß einen besonderen Joker aus der Tasche. Bert Bräuer, der seine Handballschuhe bereits an den Nagel hing, wollte noch ein einziges Mal aufs Parkett – ein Abschiedsspiel gegen die Wölfe. Vor der Partie wird „Bum Bum Berti“ vom Publikum verabschiedet, bedankt sich am Mikrofon sogar für den Applaus aus dem Wölfe-Block. Was Bräuer in seiner Dankesrede nicht erwähnte: Er war hungrig auf blutiges Fleisch!

Schon nach 28 Sekunden trifft Marc Beier zum 1:0 und unter lautstarkem Jubel eröffnet Dahlewitz den heißen Tanz. Danach mischen die Wölfe sofort mit. Ein Treffer von Nils Seegebrecht und drei Tore von Jan-Eike Albrecht stellen die Tafel auf 2:4 und die Wölfe ziehen mit guter Geschwindigkeit ins Rennen (8.). Dann setzt Bräuer zum ersten Mal an, klinkt zwei Tore ein und egalisiert somit die Führung der Wölfe (4:4/11.). Dahlewitz deutet in dieser Phase bereits an, dass auch das im Altersschnitt älteste Team der Liga flinke Füße haben kann. Was die junge Mannschaft des MTV an Tempo vorgibt, kann Dahlewitz mitgehen. Beide Teams spielen einen flinken Stiefel und bringen ordentlich Tempo ins Spiel. Doch nach gut 14 Minuten sind die Tempokarten aufgebraucht.

seegebrecht dahlewitzRonny Lange bekommt eine Zeitstrafe für eine Abwehraktion, die für das Rangsdorfer Schiedsrichtergespann Christian Wetzel/Andreas Schulze etwas zu viel war. Danach fallen drei Tore nacheinander nur durch Siebenmeter – der Spielfluss zerrüttet. Neuendorf stellt für die Wölfe auf 7:9. Dem Anschein nach agieren die Wölfe einen Tick effektiver, beim zweiten Blick stellt sich aber ein anderes Bild dar. „Wir haben im Angriff nie zu unserer Struktur gefunden und haben uns somit viele Halbchancen genommen“, resümiert Routinier Dirk Becker, der in der ersten Hälfte noch ein sehenswertes Anspiel von Albrecht zu einem Siebenmeter ummünzen kann. Doch durch die angesprochene fehlende Struktur ist es absehbar, dass Dahlewitz den MTV in der Abwehr unter Kontrolle bekommt. „Im Angriff fehlte uns einfach das geschlossene Auftreten“, so Neuendorf.

Die erste Gastgeber-Führung seit dem 2:1 erzielt der Mann des Tages, Bert Bräuer. Mit einem Wurf aus dem Rückraum, bei dem die Wölfe einmal mehr zu spät heraustreten erzielt er das 11:10 (26.). Der MTV tut sich in der Abwehr schwer, weil das Rudel im Kollektiv zu spät heraustritt und der Blau-Weiße Rückraum immer wieder zu leichten Würfen kommt. Neuendorf: „In der Abwehr fehlte die Kommunikation.“ Dazu mischt sich das Schiedsrichtergespann, welches im Gesamtauftritt einen gebrauchten Tag erwischt. Dem Vernehmen nach wandert der rechte Arm beim Offensivspiel der Wölfe bei weitem frühzeitiger  und öfter hoch als bei den Angriffen der Gastgeber. Dazu kommen immer wieder Unstimmigkeiten zwischen dem Gespann.

Von Linksaußen setzt Neuendorf zum Wurf an. In der Luft wird er am Wurf gehindert und unsanft gelegt. Statt eines Siebenmeterpfiffs ertönt die Pfeife und das Handzeichen deutet einen Freiwurf an. Nur wenige Augenblicke später unterläuft Daniel Natusch Wünsdorfs Ronny Lange und bringt in übel zu Fall. Bei seiner Abwehraktion riskiert Natusch eine Verletzung des Gegners. Nach kurzer Rücksprache entscheiden die Schiedsrichter, Natusch mit einer Roten Karte vom Feld zu stellen. Eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Betrachtet man jedoch, dass es bei der Aktion zuvor nicht einmal eine Zeitstrafe gab, ist der Feldverweis eine zu harte Entscheidung. 

abwehr dahlewitz

Halbzeitstand: Blau-Weiß Dahlewitz – Wünsdorfer Wölfe 12:10

Die zweite Hälfte beginnen die Wölfe in Unterzahl, weil Seegebrecht kurz vor dem Seitenwechsel noch eine Zeitstrafe bekam. Dahlewitz agiert clever, nimmt Albrecht in Manndeckung und stellt die Wölfe somit früh vor die nächste Herausforderung. Der MTV löst die Situation ohne den Spielstand zu verändern, kurz darauf nagelt Lars Baumann den Ball in den Knick und spuckt mit dem 12:11 einen Sack Hoffnung in den Gäste-Block. Neuendorf gleicht per Siebenmeter aus, danach holt Bräuer die Führung zurück.

abwehraktion seegebrechtWeiterhin lassen die Wölfe in der Abwehr zu viele leichte Würfe zu, im Angriff kommt der MTV mit der Härte der Abwehr nicht zurecht. Dahlewitz nutzt es aus, dass die Schiedsrichter die Härte zulassen, auch viele Griffe ins Gesicht und an den Hals unbeachtet lassen. Trotzdem fehlen den Wölfen die nötigen Mittel, um endlich Struktur ins Spiel zu bringen. „Wir haben als Mannschaft heute einfach nicht funktioniert“, bringt es Seegebrecht auf den Punkt. Der MTV produziert schlussendlich viel zu wenig gute Wurfchancen. Als Lange aus dem Rückraum hochgeht und den Ball an die Latte nagelt, hören in der Halle alle einen lauten Schlag gegen den Unterarm. Das Gespann zeigt Abwurf und man sieht viele fragende Gesichter. 
►Skurril: Selbst die Dahlewitzer Bank dreht sich nach dieser Situation um und schaut in den Wünsdorfer Fanblock. „Wir haben es auch gehört, aber was willst du machen?“ Erschreckendes Eingeständnis. Aber man kann sich eben auch als in dieser Situation deutlich bevorzugtes Team gegen Fehlentscheidungen nicht wehren.

Nach 49 Minuten wechseln die Wölfe erstmals den Torwart. Carlo Hirsing fügt sich mit einer krachenden Parade ein. Auch den Abpraller fischt er weg. Diese beiden Aktionen sind gleichzeitig die ersten Fehlwürfe der Dahlewitzer in der zweiten Hälfte - nach 19 Minuten!  Die Wölfe zeigen optisch noch ein Highlight. Albrecht spielt von Halbrechts einen Pass nach Linksaußen. Dort fliegt Tim Wendland ein, trifft zum 21:15. Das Rudel jedoch hat sich zu diesem Zeitpunkt schon längst selbst erlegt. „Wir haben uns irgendwann auch aufgegeben, es war ein grottiges Spiel von uns“, sagt Neuendorf. 

abwehr packt zuDie Schlussphase bietet noch etwas Aufregung. Der Dahlewitzer Christian Friedrich holt sich bei einem Sturz ein blutiges Knie. Der Wölfe-Block macht die Halle lautstark darauf aufmerksam, dass der „Spieler mit der Nummer 3“ blutet. Während Blau-Weiß Coach Kai Müller-Schade nach wiederholten Rufen nur ein „haltet doch eure Klappe“ hinter die Bank wirft, lassen die Schiris das Spiel weiter laufen. Auch beim kommenden Dahlewitzer Angriff ist Friedrich mitten drin, immer noch blutet das Knie. Als dann die Wölfe das Spiel wieder eröffnen, zieht sich Friedrichs Blutspur bis in die weißen Socken. „Die Nummer drei blutet immer noch“ hallt es von den Rängen. Baumann trifft zum 25:17. Als Dahlewitz den nächsten Angriff aufbauen will, wird das Spiel unterbrochen. Überraschung:  Friedrich wird darauf aufmerksam gemacht, dass er am Knie blutet und er das Feld bitte verlassen möge. Eine weise Entscheidung, die ja auch nur gute zwei Minuten hat auf sich warten lassen. Zugegeben: Auf den Spielverlauf hat diese Szene keinen Einfluss. Sie beurkundet aber, dass eben auch die Schiedsrichter einen gebrauchten Tag erwischten und die Dahlewitzer Mannschaft das einzige Team ist, was an diesem Tag so richtig gut funktioniert.

In der Auszeit 90 Sekunden vor Schluss (27:19) werden drei Kisten Bier versprochen, sollte der Vorsprung noch auf zehn Tore anwachsen. Auf die drei Kisten vom Trainer müssen die Blau-Weißen verzichten. Auf die zwei Punkte aber nicht. Bert Bräuer kann sich ein Kreuz ins Kalender machen. Er allein schießt die Wölfe mit zehn Treffern dahin, wo Dahlewitz schon vorher stand – ins Niemansland der Tabelle. Die Gastgeber genießen den Tag, den die Wölfe im Hinspiel erlebten. Jeweils ein schwarzer Tag für die Gastmannschaft. Nach dem die Wölfe vor exakt einem Jahr beim Auswärtsspiel in Dahme lautstark „Uffta Uffta Täterää“ anstimmten, nutzen die Blau-Weißen die bayerisch angepasst Version „Humba, Humba“. Dahlewitz feiert den Derbysieg und den Abschied ihres langjährigen Torjägers. „Dahlewitz hat ein gutes Spiel gezeigt und verdient gewonnen. Das muss man an diesem Tag einfach so anerkennen. Wir werden daraus lernen und müssen schon nächste Woche gegen Calau verbessert auftreten“, sagte Dirk Becker nach dem Spiel. 

Die Wölfe rutschen übers Wochenende auf Platz 6 ab und haben punktemäßig weder nach oben noch nach unten irgendwas zu holen. Auf Platz 3, HSG Schlaubetal, hat der MTV bereits fünf Punkte Rückstand. Auf Platz neun, der HV Luckenwalde 09, sind es neun Zähler Vorsprung. In der kommenden Woche trifft der MTV auf den HV Calau, die derzeit auf dem letzten Platz der Liga stehen (2:24). Die Wölfe spielen dabei erstmals in der laufenden Saison in der heimischen Paul-Schumann-Halle. Allerdings stellt sich das Rudel nach der Niederlage in Lübbenau und dem Debakel im Derby selbst auf die Probe. Der Wolf ist sich selbst der größte Feind. Geht er seinen Weg im Alleingang und nicht im Rudel, erlegt er sich selbst – auch gegen Herden, die bisher hinterhinken. 

jubel dahlewitz

Blau-Weiß Dahlewitz – Wünsdorfer Wölfe 29:20 (12:10)

Blau-Weiß Dahlewitz: Bombich – Bräuer 10 (0/1), Natusch 4 (2/2), Friedrich 3, D. Werner 3, Teising 2 (2/2), Brosin 2, Pfeiffer 1, Moritz 1, Krause 1, M. Schobelt 1, Beier 1, Roth, Stehlin
MTV Wünsdorf 1910: Barsch, Hirsing – Neuendorf 5 (3/3), Albrecht 4, Wendland 3, D. Becker 3 (1/1), Vikhrov 2, Lange 1, Baumann 1, N. Seegebrecht 1, T. Becker, Hawaleschka
Schiedsrichter: Christian Wetzel (SG Schöneiche) / Andreas Schulze (Frankfurter HC) – hatten oft Abstimmungsschwierigkeiten und riefen an diesem Tag nicht ihr gewohntes Level ab

Gelbe Karten: Pfeiffer, Natusch, Bombich – N. Seegebrecht, Baumann, D. Becker
Zeitstrafen: 4:7 (Bräuer, Brosin, D. Werner, Roth – 2x Lange, T. Becker, D. Becker, Neuendorf, Vikhrov, N. Seegebrecht)
Rote Karten: Daniel Natusch (Blau-Weiß Dahlewitz/27. wegen übertriebener Härte)
Blaue Karten: – 

Siebenmeter: 4/6 (66,6 %) – 4/4 (100%)
Wurfquote: 29/48 (60,42%) – 20/46 (43,45%)